OEZ-Prozess: Ignoranz ist Toleranz
von Alexander Spöri

Posted by on Sep 14, 2017 in Allgemein, Beiträgearchiv, Coverage, Filme, News, Presse

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MovieJam Studios begleitet in der Folgeserie Coverage mit einem Korrespondenten, aus dem Team, den Prozess gegen Waffenhändler Phillip K., der dem OEZ-Massenmörder die Tatwaffe verkaufte. (Nr. 1)

Wer nichts wissen will, muss sich mit allem abfinden“, so einst der Aphoristiker Harald Schmid.

Abfinden müssen wir uns beispielsweise mit einem der größten Massenmorde auf deutschem Staatsterritorium seit Gründung der Bundesrepublik 1946- dem Amoklauf am Münchner Olympiaeinkaufszentrum.
Und genauso abfinden müssen wir uns anscheinend ebenfalls mit einer vermeintlichen Entpolitisierung dieser Tat. Denn diese wird bis heute als Amoklauf angesehen, jedoch nicht als politisch motivierter Terroranschlag.

Dabei sind Entpolitisierungen bereits lange keine Seltenheit mehr: 1980 stufte das bayerische Landeskriminalamt fälschlicherweise nach dem Oktoberfestattentat, die mittlerweile verbotene, Wehrsportgruppe Hoffmann nicht als rechtsextrem ein.
Von 1998 bis 2011 wurden in Sachen des NSU nationalsozialistische Hintergründe ausgeschlossen. Deutsche würden nicht morden, sondern nur Ausländer. Der Mord wäre eine „solch obszöne Straftat“, die eher den fern östlichen Staatsbürgern zuzuschreiben ist.
Und 2016? Verharmlost oder entpolitisiert man einen vermeintlichen Amoklauf, an dem acht unschuldige Jugendliche mit Migrationshintergrund umkamen?

Die Ermittler sehen Mobbing als Motiv. Eine Mobbingphase, die nachweislich Ende der Grundschulzeit des Täters, nicht mehr existent war. „Bereits 2011 gab es keine weiteren Mobbingvorfälle mehr“, legte ein führender Mitarbeiter der zuständigen „Soko OEZ“ mithilfe seines selbstverfassten, mehrere hundert Seiten langen, Abschlussberichtes, im nun stattfindenden Gerichtsprozess gegen den Waffenhändler, der durch das Verkaufen einer „Glock 17“  den Amoklauf erst ermöglichte, vor.
Der Amokläufer litt also, allen zugrundeliegenden Erkenntnissen nach, an keinen akut oder latenten psychischen oder physischen Misshandlungen in Sachen Mobbing. Lediglich bleibende Erinnerungswerte konnten sein Handlungsvermögen gegebenenfalls beeinflussen.

Wesentlich aussagekräftiger als das bisher projizierte Tatmotiv sind im Gericht vorgelesene Aktenausschnitte. So sympathisierte der Schuldige mit der AfD, war stolz darauf „Arier“ zu sein und am selben Tag wie Hitler Geburtstag zu haben.
Des Öfteren drohte er türkischstämmigen Schulkameraden, dass er sie erschießen werde und veröffentlichte ein Manifest, in dem er beschreibt, wie er „jeden deutschen Türken töten werde.“ Ein Manifest, wie es auch Rechtsextremist und Massenmörder Anders Behring Breivik verfasste, der 2011 auf Utøya 77 Menschen umbrachte. Der OEZ-Amokläufer war „fasziniert von dieser Tat“.
Zudem besuchte er zweimal Winnenden, Örtlichkeit des nun zweitgrößten Amoklaufes 2009 an einer Schule- Tatmotiv bis heute ungeklärt.
Er zeigte einmal öffentlich den Hitlergruß, verbreitete Hakenkreuze, beendete Konversationen mit „Sieg Heil“, betitelte Ausländer als „Kakerlaken“, „Untermenschen“ und „Untertanen“.
Der jetzig angeklagte Waffenhändler pflegte ähnliche Umgangsformen und ist im rechten Spektrum anzusiedeln.

Inzwischen hat das Gerichtsverfahren gezeigt, dass eventuelle Mithelfer in den Anschlag eingeweiht waren: Sollte sich dies bewahrheiten, und diese ebenfalls im politisch-ultrarechten Spektrum vertreten sein, steckt dann vielleicht noch mehr hinter dem Amoklauf am OEZ? Gibt es doch politische Hintergründe?
Juristisch wäre dann zumindest die Voraussetzung für eine mögliche terroristische Vereinigung erfüllt.
Auf eine besonnene Neubewertung der Münchner-Tragödie durch den Vorsitzenden Richter Zimmer bleibt zu hoffen, sofern das Landeskriminalamt unter Federführung der Staatsanwaltschaft München I weiterhin auf die „Mobbing-Begründung“ beharrt.

Sollte es einen deutlich komplexeren und abweichenden Tathintergrund geben, dann dürfen wir diesen nicht verharmlosen. Wir dürfen ihn nicht beschönigen. Und wir dürfen ihn auf keinen Fall ignorieren. So würde man den Rechtsextremismus explizit tolerieren.
Ignoranz ist die Toleranz unserer Zeit.
(asp)

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